postheadericon Die Operationen der idiopathischen kindlichen Skoliose

Liebe Patientin, lieber Patient!

Dieses Informationsblatt soll Ihnen helfen, die Gründe und Ziele der Ihnen empfohlenen Operation, den Ablauf, die möglichen Komplikationen und Auswirkungen zu verstehen. Der geplante Eingriff wird mit Ihnen persönlich besprochen. Bitte fragen Sie deshalb nach allem, was Ihnen unklar ist oder wichtig erscheint.
In unserer Sprechstunde wurde Ihnen bzw. Ihrem Kind eine Skoliose-OP angeraten. Dieses Informationsblatt soll Ihnen helfen, die Gründe und Ziele der Operation, den Ablauf, die möglichen Komplikationen und Auswirkungen zu verstehen.
Da die meisten Operationen wegen einer "idiopathischen Skoliose" durchgeführt werden, ist das Informationsblatt hauptsächlich für diese Gruppe von Patienten vorgesehen. Die Ziele und der Ablauf der Operation sind jedoch bei anderen Skolioseformen vergleichbar.


Was ist eine Skoliose?

Eine Skoliose ist eine Verbiegung der gesamten Wirbelsäule mit gleichzeitiger Verdrehung der einzelnen Wirbelkörper gegeneinander. Hierdurch kommt es zu einer Verformung des Brustkorbes, die meistens als erstes auffällt und auch als "Rippenbuckel" bezeichnet wird. Die Beweglichkeit der Wirbelsäule ist im Bereich der Skoliose eingeschränkt. Der Schweregrad der Skoliose (gemessen an Winkelgraden) kann nur anhand eines Röntgenbildes zuverlässig bestimmt werden. (Abb. 1 a, b)


Wodurch kommt es zu einer Skoliose?

In der überwiegenden Anzahl der Fälle (ca. 85 %) kennt man die Ursache nicht. Diese nennt man idiopathische Skoliosen.
Andere Formen der Skoliose sind seltener und beruhen auf einer Vielzahl unterschiedlicher Ursachen: z. B. Wirbelsäulenfehlbildungen, Poliomyelitis, infantile Zerebralparese, Spina bifida, Muskeldystrophie, Arthrogypose, Morbus Recklinghausen, Infektionen, Tumoren, Wirbelkörperbrüche.


Was passiert, wenn nicht operiert wird?

Die Verbiegung und Verdrehung der Wirbelsäule nehmen weiter zu. Dadurch kommt es zu einer zunehmenden Deformierung des Rumpfes. Der Rippenbuckel nimmt zu, die Lungen- und Herzfunktion und damit die körperliche Leistungsfähigkeit werden mehr und mehr eingeschränkt. Diese Verschlechterung tritt nicht sofort ein, sondern nimmt über Jahre zu. Von Untersuchungen an Patienten, die nicht behandelt wurden, weiss man, dass 90% Rückenbeschwerden hatten, 47 % durch die Wirbelsäulenverbiegung behindert waren und die mittlere Lebenserwartung bei schweren Skoliosen reduziert war.


Was ist das Ziel der Operation?

Ziel der Operation ist es, die zunehmende Verbiegung der Wirbelsäule aufzuhalten, möglichst zu korrigieren und damit die oben genannten Probleme zu verhindern. Um dieses zu erreichen, wird die Wirbelsäule im Bereich der Verbiegung in einer korrigierten Stellung versteift. Hierzu werden Implantate (Metallstangen und Schrauben) an der Wirbelsäule angebracht und die einzelnen Wirbelkörper aufgefräst. Die aufgefrästen Wirbelkörper verwachsen miteinander, sodass die Wirbelsäule schliesslich in der Stellung stabil ist. Das eingebrachte Metall dient dazu, während der Knochenheilung die Wirbelsäule in Korrekturstellung zu halten. Eine vollständige Korrektur der Verbiegung und Verdrehung kann nicht erwartet werden. (Abb. 2 a, b)


Welche Folgen hat die Operation?

Rein äusserlich fallen lediglich die Operationsnarben auf. Auf der Länge der Verbiegung ist die Wirbelsäule versteift. Diese Einsteifung fällt jedoch im Alltagsleben in der Regel nicht ins Gewicht, da die angrenzenden Wirbelsäulenbereiche noch beweglich sind. Allerdings werden diese Abschnitte nach der Operation beansprucht. Um eine Überbeanspruchung zu vermeiden, ist es sinnvoll, sich im Alltagsleben wirbelsäulengerecht zu verhalten. In Rückenschulungsprogrammen verschiedener Anbieter können die entsprechenden Verhaltensweisen eingeübt werden.
Im versteiften Bereich wächst die Wirbelsäule nicht mehr weiter. Da die meisten Patienten jedoch gegen Ende des Wachstums operiert werden, fällt dieser Verlust an Körpergrösse nicht ins Gewicht. Meistens ist der Patient durch die Aufdrehung der Verkrümmung sogar nach der Operation grösser als vorher. Eine Entfernung des Metalls ist nicht vorgesehen.


Abklärungen / Vorbereitungen vor einer Operation

Jeder hat vor einer solchen Operation Angst, und wir können Ihnen im Gespräch einen Teil dieser Angst abnehmen. Falls Sie unsicher sind, können Sie sich selbstverständlich bei einem anderen Arzt Ihres Vertrauens eine zweite Meinung und Beratung einholen. Die Operation ist keine Notfall-Operation, sollte aber auch nicht über Monate hinausgeschoben werden. Die Operation muss geplant und vorbereitet werden.


Operationsvorbereitung

Vor der Operation wird eine Risikoabschätzung vorgenommen, dazu benötigt der Arzt Angaben zu Vorerkrankungen wie Herzkrankheiten (z. B. Herzklappenfehler, Septumdefekte u. a.), Lungenerkrankungen (z. B. Asthma), Nierenerkrankungen, Medikamenteneinnahme (z. B. auch Empfängnisverhütungspille), Allergien u. v. m., die gegebenenfalls vor der Operation durch Untersuchungen abgeklärt werden müssen. Ebenso müssen Infektionen (z. B. Zähne, Harnwegsinfekte, Nasen-/Racheninfekte u. a.) ausbehandelt sein.
Da es während der Operation zu einem Blutverlust kommt, muss manchmal Fremdblut verwendet werden.
Bei einer stationären Aufnahme werden spezielle Röntgenbilder und aktuelle Röntgenbilder benötigt, damit eine exakte Operationsplanung durch den Operateur erstellt werden kann. Es finden noch, je nach Ausmass der Skoliose, weitere Untersuchungen (Lungenfunktionstest, Blutuntersuchungen, evtl. Fotodokumentationen etc.) statt.


Operationsmethode

Entsprechend dem Schweregrad der Verbiegung wird eine Skoliose entweder nur von hinten, von vorn oder von vorn und hinten operiert.
Bei einer Operation von vorn wird je nach Lage und Länge der Verbiegung durch den Brustkorb und/oder hinter dem Bauchraum auf die Wirbelsäule eingegangen. Dann werden die Bandscheiben ausgeräumt, die Wachstumsfugen verödet und Knochenspäne (z. B. von einer Rippe, vom Beckenkamm oder seltener Fremdknochen) angelagert. Danach wird die Wirbelsäulenverbiegung korrigiert und mit Metallschrauben sowie Stangen stabilisiert (Abb. 3 a). Ist eine zusätzliche Korrektur und Stabilisierung der Skoliose von hinten geplant, findet diese zweite Operation im Abstand von ungefähr einer Woche statt.
Bei einer Operation von hinten werden die Muskeln von der Wirbelsäule abgeschoben und die Knochen aufgefräst. Eine sichere Versteifung lässt sich nur erzielen, wenn an den aufgefrästen Bezirk Knochenspäne, die man zuvor vom Beckenkamm entnommen hat, angelagert werden. Die Stabilisierung und Korrektur wird über zwei Metallstangen vorgenommen, die mit Schrauben an der Wirbelsäule befestigt werden (Abb 3 b).
Um den Blutverlust während der Operation so gering wie möglich zu halten, werden mehrere Massnahmen getroffen. Zum einen wird das Blut verdünnt, zu anderen wird das Blut aus der Wunde abgesaugt, gereinigt und wieder dem Patienten zurückgegeben.


Nach der Operation im Krankenhaus

Nach der Operation kommen Sie bzw. Ihr Kind auf die Intensivstation. Je nach Länge der Operation, dem Blutverlust und der Auskühlung wird der Patient noch nachbeatmet: d. h. er ist noch in leichter Narkose am Beatmungsgerät, bis die einzelnen Körperfunktionen sich erholt haben. Die verschiedenen Schläuche (Blasenkatheter, Magensonde, Wunddrainage, Thoraxtdrainagen, Venenkatheter) werden nach und nach entfernt und der Patient auf die normale Station verlegt. Der Patient fühlt sich nach einer Skolioseoperation schlapp und hat Schmerzen. In der Regel erholt man sich jedoch innerhalb weniger Tage, sodass man nach zwei Tagen wieder aufstehen darf. Eine Korsettbehandlung in nach der Operation in der Regel nicht mehr nötig. Während des stationären Aufenthaltes wird mit der Krankengymnastik (Physiotherapie) auch eine Rückenschulung durchgeführt. Die Entlassung erfolgt in der Regel ein bis zwei Wochen nach der Operation. Die Hautfäden werden zwei bis drei Wochen nach Operation entfernt.


Risiken

Eine Skolioseoperation ist ein grosser orthopädischer Eingriff, der mehrere Stunden dauert. Grundsätzlich bestehen alle allgemeinen Operationsrisiken wie Infektionen, Thrombose (Blutgerinnsel) und Embolie (Arterienverschlüsse durch Blutgerinnsel). Gegen das Infektionsrisiko werden bereits kurz vor der Operation vorsorglich Antibiotika gegeben, zur Senkung des Thrombose- und Embolierisikos Bauchspritzen, die die Gerinnungsneigung des Blutes herabsetzen. Bei jüngeren Patienten ist das Thrombose- und Embolierisiko so gering, dass auf die Bauchspritze verzichtet werden kann.
Ein besonderes Risiko bei Skolioseoperationen stellt die Querschnittslähmung dar. Das Risiko für eine Querschnittslähmung liegt unter 1 %. Eine Querschnittslähmung tritt durch Überdehnung des Rückenmarks und der Blutgefässe, die es versorgen, auf. Das Risiko steigt mit zunehmender Längendehnung des Rückenmarks an. Deshalb werden ausgeprägte Skoliosen nicht ganz korrigiert.
Um eine Querschnittslähmung durch Früherkennung möglichst zu verhindern, werden während der gesamten Operationsdauer die Nervenströme gemessen, sodass bei einer ungewollten Veränderung sofort reagiert werden kann. Bei wenigen Patienten kommt es während der Operation zu einem stärkeren Blutverlust oder nach der Operation zu Nachblutungen, sodass, wenn das Eigenblut nicht ausreicht, getestetes Fremdblut gegeben werden muss. Hierdurch können Infektionskrankheiten übertragen werden. Das Risiko ist jedoch äusserst gering. Nach der Operation kann eine vorübergehende Darmlähmung auftreten. Der Patient darf zunächst für 24 Stunden nicht essen und trinken. Wenn Anzeichen für eine Darmtätigkeit vorhanden sind, wird mit einem Kostaufbau begonnen (Tee, Suppen, leicht verdauliche Kost), gleichzeitig wird die Darmtätigkeit medikamentös angeregt.
Nach der Operation kann eine vorübergehende Störung der Nierenfunktion oder eine Blasenentleerungsstörung auftreten. Der Patient bekommt daher einen Blasenkatheter, Elektrolyt- und Flüssigkeitsbedarf werden durch intravenöse Zugaben ausgeglichen.


Allgemeine Risiken

Komplikationen bei diesem operativen Eingriff sind selten. Folgende spezielle Risiken können unter anderem auftreten:

  • Gefässverletzungen und Blutungen
  • Nervenverletzung mit Lähmung, Gefühlsverminderung oder Missempfindung im Versorgungsbereich des Nervs
  • Verletzung des Duralsackes mit Liquorfistel (Nervenwasseraustritt in das Wundgebiet, was zu Kopfschmerzen führen kann). Sollte noch zusätzlich eine Infektion dazukommen, besteht die Gefahr einer Hirnhautentzündung.
  • Infektion im Operationsgebiet
  • Eingebrachte Implantate können sich lockern oder auch einsinken, welches unter Umständen zu einer Fehlstellung des Wirbelkörpers führen kann.
  • Instabilität der Wirbelsäule
  • Nichtverheilen des Knochens (Pseudarthrose)
  • Erneute Zunahme der Achsenabweichung
  • Schäden an Muskeln und Sehnen

Während der Operation kann es selten zu einer starken Blutung kommen, so dass körperfremde Blutproduk-te eingesetzt werden müssen. Nach jeder Operation kann es zu Wundheilungsstörungen, Wundinfektionen, Nachblutungen oder einer Venenthrombose mit der Gefahr einer Lungenembolie trotz Einsatz von Anti¬biotika und Blut verdünnenden Medikamenten kommen. Zur Behebung einer Komplikation oder bei einem ungünstigen Operationsergebnis muss gegebenenfalls eine Zweitoperation durchgeführt werden.


Komplikationen nach der Operation

Auch nach der Operation können Komplikationen auftreten. Das eingebrachte Metall soll die Wirbelsäule in Korrekturstellung halten, bis der angefräste Knochen verheilt ist. Das dauert mehrere Monate, deshalb wird der Patient im ersten Jahr nach der Operation alle drei Monate nachuntersucht. In dieser Zeit können die Implantate brechen oder aus dem Knochen auswandern. Die Knochenheilung kann stellenweise nicht vollständig sein. Bestehen keine grösseren Beschwerden, hat dies keine Konsequenzen. In seltenen Fällen muss bei stärkeren Beschwerden operiert werden.


Belastbarkeit nach der Operation

Im ersten Jahr nach der Operation heilt der angefräste Knochen, sodass während dieser Zeit kein Kontakt-sport betrieben werden sollte. Mobilisierende Krankengymnastik wird jedoch empfohlen. Auch können bereits nach sechs Wochen leichtere Sportarten wieder aufgenommen werden wie z.B. Schwimmen und Velo fahren.
Wenn eine knöcherne Durchbauung eingetreten ist, ist die Wirbelsäule wieder voll belastbar.
Berufliche Tätigkeiten in vornüber gebeugter Stellung oder verbunden mit Heben von schweren Lasten sind nicht empfehlenswert. Dies gilt es bei der Berufswahl zu berücksichtigen.